dahblog.arthistoricum.net

Das Reale in der Realität - Ein Gedankenspiel zum Digitalen im Realen

Einführung

Ein Gedankenspiel ist eine Einladung zum Spiel. Eine Einladung, dem Spiel der Worte zu folgen. Das Reale in der Realität – Was bedeutet das im Zeitalter der digitalen Transformation, frage ich mich. Denn ich – wenn ich mich so vorstellen darf – die Digitaltouristin, arbeite auf dem Feld der alteingesessenen Digital Natives im Wikiversum von Wikipedia, Wikidata, Wikinews und Wikivoyage. Angelehnt an einen Konferenztitel “The real of reality” lade ich Sie ein, dies mit mir zu untersuchen.

Unsere Zeit wird gern als das digitale Zeitalter bezeichnet. Manche sprechen gar von einer digitalen Revolution, die unsere Wirklichkeit prägt. Was bedeutet Digitalität in Bezug auf die Wirklichkeit? Denken wir uns eine Stufenleiter, von den Bildern in unseren Köpfen beim Hören und Lesen, über die Abbildungen des Realen in der Kunst und der Fotografie, über die bewegten Bilder im Film, Computeranimation bis hin zu den virtuellen Welten in den Computerspielen – die Visualisierung der Wirklichkeit prägt unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit, wird gar selbst wirklich .
Es geht mir um ein Nachdenken über das Reale und die Wirklichkeit sowie deren Verhältnis zum Digitalen. Mein Nachdenken beginnt mit dem Medium Film. Der Film ist heute das Medium, in dem am häufigsten mit digitalen Mitteln wirklich wirkende Welten geschaffen werden. Anders als in der Literatur beispielsweise. Haben Sie den jüngsten Film des Skywalker Epos "Das Erwachen der Macht" gesehen? Selten waren die Computeranimationen gewaltiger, nie das Streben nach der Erfüllung der Gesetze des Epischen als das Sinnhafte des Realen bestimmender, allein schon weil es nach zehn Jahren des Wartens so sein musste. Der neue Film ist ein neuer Höhepunkt der Starwars-Reihe. Sie hat in der Generation meiner Kollegen und Kolleginnen denselben sozial konstitutiven Stellenwert wie in meiner Generation die Pippi Langstrumpf-Filme. Vergegenwärtigen Sie sich nur mal ganz kurz die Filmwelt von Pippi Langstrumpf und stellen Sie diese neben die von Starwars. Trotz aller Phantasterei schafft nur die letztgenannte den Sprung ins Digitale. Und auf diesen Sprung kommt es mir an. Es geht mir um das Reale in der Realität mit digitalen Mitteln.

Rhys Asplundh, Touristen beim Feuerwerk zu Starwars-Day in einem Hollywood Studio 2013
CC by 2.0
Rhys Asplundh, Touristen beim Feuerwerk zu Starwars-Day in einem Hollywood Studio 2013
CC by 2.0

Real bedeutet wirklich

“Real” wird  mit "wirklich" übersetzt.  Das Reale ist das, was wirklich ist. Im Gegensatz zu dem, was nur eingebildet ist. Real ist der Geruch des Weines im Glas. Real ist der Geschmack von Salz auf der Haut. Real ist der Schmerz. Real ist das, was ich mit meinen eigenen Augen sehe. Das alles ist wirklich so. In dem Adjektiv "wirklich" steckt das Verb "wirken". Etwas "Wirkliches" wirkt auf mich, setzt mich in eine Beziehung zum Realen. Die Realität wirkt auf mich. Unsere Sprache ist faszinierend präzise, denn das Verb "wirken" bringt zum Ausdruck, dass hier etwas nicht unmittelbar geschieht, sondern durch mich erfahren wird. Ich muss das Wirkliche offensichtlich interpretieren. Ein ganz alter Gedanke der Philosophie. Nach Plato ermöglicht erst die Philosophie das Erkennen des Wirklichen, alles andere, die Wahrnehmung und die Kunst gaukeln uns nur Abbilder vor. Wie die bewegten Schatten auf der Höhlenwand bedingen auch die bewegten Bilder des Films nur die Illusion, das Wirkliche zu sehen. Der Film und mehr noch die Computeranimation im 3D-Film kreieren Welten, in die der Betrachter für Stunden so tief eintaucht, dass er Teil dieser Welt wird.

Real heißt "königlich"

Geralt, Eine Bildvariante zu “Matrix”, der Hackerfilm zu Platons Höhlengleichnis, CC0
Geralt, Eine Bildvariante zu “Matrix”, der Hackerfilm zu Platons Höhlengleichnis, CC0

“Real” wird im Spanischen parallel zur Bedeutung des Wirklichen mit "königlich" übersetzt. Lo real ist das Wirkliche an sich (https://es.wikipedia.org/wiki/Lo_real), aber auch das Königliche. "La familia real" lässt sich daher sowohl mit "die tatsächliche Familie" als auch mit "die königliche Familie" übersetzen. Nachwirkung einer sprachgeschichtlichen Verwischung von Rex, regis lateinisch für "der König", die aber in unserem Kontext doch erhellend ist. Denn damit kommt Macht in unser Gedankenspiel. Der König hat die Macht. Er bestimmt, was wirklich sein soll. Er definiert, was die Welt an sich ist. Womit wir dem Höhlengleichnis quasi aus der Herrscherperspektive  wieder begegnen. Indem der König die Macht hat zu bestimmen, was sei: Ob der Tanz beginnt oder endet, oder ob die Hütte abgerissen wird, der Palast gebaut. Ob Krieg oder Frieden. Ob du stirbst oder lebst, bestimmt er die Realität. Das ist Macht. Was zählt da die Interpretation des Wirklichen, selbst die Erkenntnis der Philosophen über die Dinge? The Real of Reality wird zu einer einzigen Möglichkeit, der königlichen. Freiheit gibt es nur, wo es Alternativen gibt. Das Reale im Realen in dieser sprachlichen Diktion kommt der Unfreiheit im Absolutismus am nächsten.

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte

Die Gewalt der Illustration in Caravaggios “Die Opferung Isaaks”, 1602, heute Uffizien Florenz
Die Gewalt der Illustration in Caravaggios “Die Opferung Isaaks”, 1602, heute Uffizien Florenz

Ein Meister der Realitäten war Napoleon. Er schuf sie mit Waffen ebenso wie mit Wortbildern. Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Dieses Bonmot wird Napoleon zugeschrieben. Das Diktat des Visuellen ist im Netz allmächtig. Visualisierer sind gefragte Spezialisten, die aus Zahlen und Texten anschauliche Infografiken schaffen. Die Twitterserviceapp Vine, mittels derer User 6 Sekunden Clips hochladen, versenden und teilen können, verzeichnet eine stetig wachsende Community. Allein im Juni 2015 besuchten in den USA bereits 35 Mio unique visitors die Seite. Zum Vergleich: die Seite von Amazon (USA) verzeichnete 188 Mio unique visitors. Heute ist Napoleons Bonmot zum Alltagswort geworden. Die gegenwärtige Wirkmacht des Visuellen in allen Medien, auf allen Kanälen ist offenkundig.
Eine bildliche Darstellung legt das Denken über eine Sache oder einen Sachverhalt stärker fest als dies Worte allein könnten. Können wir überhaupt ermessen, welche kollektiven Vorstellungsräume sich öffnen, wenn wir Geschichten ohne Bilder denken? Testen wir eine Geschichte, um uns die Konsequenz des Bilderdiktats mal aus einer überraschend anderen Richtung zu nähern, die jeder kennt, sowohl in unserer sehr visuell orientierten Welt, die aber eben auch eine bildfreie Tradition hat. Die alttestamentarische Geschichte von Abraham und seinem Sohn Isaak. Auf Geheiß Gottes steht Abraham vor der Tat, seinen eigenen Sohn zu opfern. Caravaggio illustrierte die Geschichte 1602 im Auftrag des Papstes Urban VIII, indem er den Moment unmittelbar vor dem todbringenden Schnitt mit aller Drastik ausmalte. Das Entsetzen in den Augen Isaaks lässt dem Betrachter keinen Raum für alternative Ideen. Es scheint: Abraham hätte seinen eigenen Sohn geopfert, fiele ihm der Engel Gottes nicht in den Arm. Grausam, mächtig, wirkgewaltig.

Doch ist das die reale, die einzige Geschichte? In der bildfreien muslimischen Tradition träumt Abraham, Gott heiße ihn seinen Sohn zu opfern. Am Morgen bespricht er sich mit seinem erwachsenen Sohn Isaak, wie der Traum zu deuten sei. Zu keinem Moment ist das Leben Isaaks bedroht. Kein Bild kontrastiert die sanfte Interpretation der Geschichte als Traum. Die Geschichte ohne Bilder ist offen für beides. Der Leser ist frei zu denken. Natürlich kann er sich von der Ungeheuerlichkeit des Gedankens: "Töte Deinen Sohn! Ich befehle es." erschüttern lassen, sich die Szene dramatisch vorstellen und gleichsam mit dem Engel vorschnellen, um Abraham in den Arm zu fallen. Aber er kann auch sich zurücklehnen und angespornt durch Abrahams Traum über die Szene als philosophisches Problem nachsinnen. Wenn ein Bild also mehr sagt als 1000 Worte, dann lässt ein Wort 1000 mögliche unbeschriebene Bildwelten entstehen.
Napoleon hingegen wollte sicher gehen, dass sein Publikum möglichst dieselbe Sicht auf die Welt teilte wie er selbst. Wenn er seinen Generälen seinen Schlachtplan skizzierte, dann sollten sie nicht länger eine ungeahnte Vielfalt an Interpretationen  vor ihrem jeweilsgeistigen Auge haben, sondern alle teilten mit seinem Bild seine Sichtweise.

Bekannt ist der Topos des Feuilletons, ein Buch sei besser als seine Verfilmung. Der Film legt sich über die inneren Bilder des Lesers einer Geschichte. Manchmal in kongenialer Weise. Oft jedoch fühlt man sich nach dem Film seiner eigenen Leserbilder beraubt. Wissen Sie noch, wie Ihr persönlicher Harry Potter aussah, bevor er von Daniel Radcliffe verkörpert wurde? Der Film, verstärkt noch durch die Algorithmen der Animationen, wirkt auf die Realität seiner Zuschauer. Welche Realität schafft der Film mit seinen Geschichten und Bildern? Filme schaffen auf jeden Fall  Sehnsüchte, die zu realen Erfindungen führen. Das Beamen gibt es zwar leider immer noch nicht, aber Siri ist doch schon dicht an Lukes sympathischen C3-PO Roboter dran, und viel leichter mitzunehmen.

Real heißt einzigartig

Wenn wir über die (Spiel)-welten von Starwars sprechen, sprechen wir von der "virtual reality". Interessanterweise tut man das nicht, wenn man von den Welten spricht, die im Kopf entstehen, wenn man von "20.000 Meilen unter dem Meer" von Jules Verne 1870 erschienen Roman liest. Diese Kopfwelten sind nicht virtuell, sondern Phantasiewelten. Für die virtuelle Realität ist das simultane Erleben mehrerer Nutzer in einer von Computern simulierten Realität definitorisch erforderlich. (siehe auch Wikipedia). Denn im Unterschied zu den Welten, die parallel in den Köpfen der Leser entstehen, die dasselbe Buch lesen, ist die Welt, in der sich die Spieler eines Computerspiels bewegen, “einzigartig”. Einzigartig im wörtlichen Sinne: Eine einzige Welt in der Art. Die virtuelle Realität im digitalen Raum wird genau darum zur Realität. Sie ist für alle in ihr gleich. Genau wie die Realität der analogen Welt, die sich auch für alle in ihr im alltäglichen Verständnis gleich darstellt. Nur wird die virtuelle Wirklichkeit mit digitalen Mitteln erzeugt. Analog wären daher die Welten, die von vielen als eine einzige wirkliche erlebt wird. Verkürzt ist damit das Reale also das Analoge immer dann, wenn es nur die eine Welt gibt.
Fassen wir hier zusammen: Das Reale ist das Wirkliche, das Königliche und das Einzigartige oder Analoge .

Der zweite Teil dieser Überlegungen erscheint Anfang kommender Woche an dieser Stelle.
Mehr Informationen zur Gastautorin Barbara Fischer, die als Kuratorin für Kulturpatenschaften bei Wikimedia Deutschland e.V. tätig ist, erfahren Sie hier.

0 Kommentar(e)

Kommentar

Kontakt

Kommentar

Absenden

dahblog.arthistoricum.net und Arbeitskreis Digitale Kunstgeschichte

Die Digitale Kunstgeschichte bloggt ab sofort unter dahblog.arthistoricum.net.
Hier kommen Sie zurück zum Netzwerk des Arbeitskreis Digitale Kunstgeschichte.