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Voll neu III

Die Jahrestagung 2020 der Renaissance Society of America (RSA) in Philadelphia (2.-4.4.2020) wurde wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Gemeinsam mit der Verantwortlichen für Digital Humanities der RSA Angela Dressen organisierte die Forschungseinheit "New Technologies and Renaissance Studies" (NTRS) eine virtuelle Konferenz am 2.4.2020, die NTRS-DH@RSA Virtual Conference.

"With the recent news of the cancellation of the Renaissance Society of America´s (RSA) annual meeting, the New Technologies and Renaissance Studies (NTRS) in collaboration with the RSA Discipline Representative for Digital Humanities are moving some of their presentations to a virtual setting.

The virtual conference consists of recorded presentations and a Twitter discussion.

By registering for this event, you will gain access to the recorded presentations of the presenters and receive information about the Twitter discussion that will be held on April 2. You are welcome to participate in the Twitter discussion."

Ein aktualisierter, modifizierter Call for Papers (mit Papier hat das längst nichts mehr zu tun) für das Experiment der virtuellen Konferenz der (NTRS-DH@) RSA-Jahrestagung fand nicht statt. Den Vortragenden der (ausgefallenen) "Ur-Konferenz" wurde freigestellt, Materialien für das neue (unbekannte www-) Publikum online verfügbar zu machen: von einer Video-Aufzeichnung des für die Konferenz vorgesehenen Vortrags bis hin zu Links für weiteres Infomaterial, Quellen (in den Screenshots die "Supporting Documents"-Links).

Kommuniziert und distribuiert wurde die neue, virtuelle Form der Tagung vor allem über Twitter. So habe auch ich Bescheid bekommen. Einen Teil der Organisation der Konferenz im Virtuellen übernahm die kanadische Firma Eventbrite. Hier war die Registrierung zur Tagung möglich. Zugangsdaten, Konferenzticket und -programm, dazu das Programm für die über Twitter stattfindende Diskussion der Vorträge, wurden online, digital per E-Mail zugestellt. Personenbezogene Daten werden von Evenbrite abgegriffen (Abb.). Eine Alternative, will man an der Konferenz teilnehmen, und das Programm der angekündigten Twitter-Diskussion einsehen, war nicht in Sicht.

Nun bin ich, da ich Teil der Iter (Gateway to the Middle Ages & Renaissance)-Community ungefragt auch noch geworden bin, in der Situation, die online gestellten Videos in aller Ruhe anzusehen. Von woaus ich will. Nur eines Computers und Internetzugangs bedarf es und meiner Zugangsdaten, die mit Kolleg*innen hätten geteilt werden können (nicht dürfen). Die Konferenz ließe sich zu beliebiger Uhrzeit wie ein Kolleg in einem Seminarraum abhalten - der Form nach eine Art Konferenzkino.



Begrüßung und Einführung (2x - Ray Siemens und Randa El Khatib) & Vortrag zu Twitter für Anfänger



Sektion 1: Digital explorations of space, place, and agency



Sektion II: Correspondence and disciplinary shifts across time



Sektion III: Digital approaches to studying early modern books and manuscripts



Sektion IV: Experiencing the past through visual models and virtual reality



Zu den Punkten 1)-3) (vgl.):

1) Wer kassiert die Daten?
Im Fall der virtuellen RSA-Konferenz 2020 schöpfen ab: Eventbrite, Twitter.
Wer die Videos aufzeichnet/mitschneidet, schöpft ebenso ab.
Wer Screenshots der Videos anfertigt, schöpft ab. Das habe ich getan.

2) Wer kann mitmachen?
Ohne Registration bei Eventbrite und ohne Registration bei Twitter sind weder das Ansehen der Vorträge, noch die Teilnahme an der Diskussion mit den Vortragenden und Fachkolleg*innen möglich. Jeder, der bei Eventbrite und Twitter registriert ist, kann mitmachen.

3) Was heißt das für die (kunsthistorische) Forschung?
In gewisser Weise gestaltet sich die virtuelle Konferenz inklusiver für Interessierte: Wer, da Räume nicht barrierefrei zugänglich sind, bei einer regulären Konferenz nicht hätte teilnehmen können, wer das Geld für die Fahrt nicht aufbringen kann, ist von diesen Hürden befreit.

Die Möglichkeiten zur Dokumentation, die sich bei regulären Konferenzen bieten (Foto-, Film-, Audioaufnahmen), sind gegeben und erweitert: Zurückspulen, Vorspulen, Pausieren, Lautstärke-, Helligkeitsregulierung, der Komfort der Video-/Audio-Technik kommt hinzu. Man wird in einigen Bereichen sozusagen Master, kann die Rede des Vortragenden für einen Moment stoppen (Pause), einzelne Stellen mehrmals hören (Wiederholen), vorzeitig abbrechen (Ende).

Die Diskussion klappt flüssig, jeder kommt zu Wort und tippt Bemerkungen und Fragen in der Form eines Tweets. Völligen Quatsch kann man auch schon mal wieder löschen. (Im Analogen undenkbar.) (Hat jmd. einen Screenshot des Tweets angefertigt, ist das Löschen schwieriger, man zieht seine Lehre.)

Folgeforschung, Nacharbeit, Vernetzung und weiterer Austausch sind möglich, verlaufen in anderen, anders bereiteten Bahnen, als gewohnt.


Nicht transportiert sich durch das virtuelle Setting der Konferenz das drollige Nägelknabbern des Nachwuchswissenschaftlers, kurz vor dem ersten eigenen Auftritt, die Penetranz eines Parfüms, der Dünkel des internationalen Keynote-Speakers, nur zum eigenen Vortrag einzutreffen, sich die Vorträge der Kolleg*innen zu sparen (ein bißchen wie früher bei "Wetten daß?", als manche internationale Stars schnell wieder weg mussten). Aber vielleicht waren das auch immer schon Ablenkungen vom Wesentlichen.

Situationskomik haben wir auch jetzt. Auch brandender Applaus transportiert sich digital. Allgemeines Mißfallen wohl weniger, drückt sich eher durch Ignorieren aus. Jeder mag selbst beurteilen, was und wie er auf virtuellen Konferenzen lernt und lehrt, ob und auf welche Weise das Neue einzieht. Verdienen diese virtuellen Settings die Bezeichnung "Konferenz" überhaupt? Vielleicht gibt es dazu Antworten auf dem nächsten Kunsthistorikertag 2021 #kht2021, - er widmet sich Formfragen.




Der Text ist Teil der Reihe "Voll neu"

Voll neu I
Voll neu II
Voll neu III






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