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Neue Taktung

Jörg Träger hat einmal die Umorientierung des Menschen weg von der Religions- hin zur Staatsgemeinde durch die veränderte Gewohnheit beschrieben, die private Uhr nicht mehr nach der Kirchturmuhr, sondern nach der Bahnhofsuhr zu stellen.

Die Geschichte ist weiterzudenken. Die Bürger verabreden sich beim Dorfwirt. Alois kommt ständig zu spät. Er hat seine Uhr nach der Kirchturmuhr gestellt. Selbst Alois, der seine Uhr beharrlich nach der Kirchturmuhr stellte, wird seine Uhr nun auch an der Bahnhofsuhr ausrichten. Oder an den Uhren der Mitbürger, und vermittelt über diese an der Bahnhofsuhr.

Auch die beharrlichsten, nahe der Kirche lebenden, ihre Uhren schon immer an der Kirchturmuhr ausrichtenden, öfter auf die Kirchturmuhr als auf die private Uhr sehenden Bürger beginnen nach und nach, ihre Uhren an der Bahnhofsuhr auszurichten. Sie haben einfach zu oft den Zug in die Stadt verpasst.

Irgendwann wird der Küster der Kirche die Kirchturmuhr verstellen. Auf die Zeit, die an der Bahnhofsuhr abzulesen ist. Die Kirchturm- und die Bahnhofsuhr gehen nun wieder im gleichen Takt. Wer aber sich an wem auszurichten hatte, wissen die Beteiligten.

Zur Zeit orientiert sich viel am Digitalen. Was ist digital schon da, digitalisiert oder digitalisierbar. Welche Prozesse sind ins Digitale übersetzbar, flexibel anpassbar, welche entziehen sich. Elemente etwa der Lehrveranstaltungen werden behutsam übersetzt.

Kommunikation, Information und Aufklärung organisieren sich zuletzt vermehrt digital. Wissensdistribution erfolgt zunehmend digital. Diskussionen finden öfter digital statt, als früher. Für weitere Bereiche menschlicher Interaktion gilt dies ebenso. Eine neue Taktung zieht ein in das Betriebsleben vieler Institutionen: die Ausrichtung der Prozesse und Prozeduren am Digitalen.

Die Aufgabe der digital humanities kann hierbei sein: Wissen um die Schwierigkeiten und Chancen durch die digitale Transformation einzubringen, beratend und unterstützend zu agieren, und den langen Atem zu bewahren. Beizutragen, dass manch einer der nicht genuin digitalen Mechanismen, in Rückbesinnung auf das Analoge, seinen Ursprung nicht vergisst.




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