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Social Tagging

Von Studierenden, die man befragt, woher sie eine in ihrem Referat reproduzierte Aussage bezogen haben, bekommt man heute immer häufiger die Antwort: “Das habe ich im Internet gefunden”. Einmal abgesehen davon, dass sich der durchschnittliche akademische Lehrer mit diesem ja nicht mehr ganz so neuen Medium noch nicht richtig angefreundet hat, steckt hierin ein Problem, das in der Zukunft zu einem zentralen werden dürfte: Mehr und mehr Inhalte diffundieren in das Netz hinüber, Zeitschriften erscheinen verstärkt darin, ganze Bibliotheken werden von google digitalisiert, Bilder und Töne sind jetzt schon milliardenenfach in ihm präsent. Wer entscheidet eigentlich, was davon relevant ist und was nicht? Die Studiernden haben damit auf jeden Fall ein Problem. Sie tendieren dazu, das zu nehmen, was bei einer Suchmaschine in der Ergebnisliste weit oben rangiert. Und natürlich nicht nur sie. Denn die Ergebnismengen sind fast immer so überwältigend, dass Selektionen zu einem Sysiphus-Unternehmen werden. Wer bei google nach Michelangelo sucht, bekommt über 9 Millionen Treffer, schränkt er auf “Sistina” ein, sind es noch immer über 125.000. Und selbst wenn man “Gericht” als drittes Suchwort hinzufügt, landet man bei 860 Hits.

Ein Grund dafür liegt in der Tatsache, dass im Internet nicht mehr nur ein wie auch immer autorisierter Kenner veröffentlichen kann, sondern grundsätzlich jeder. Qualitätsunterschiede werden damit dramatisch ansteigen. Über Michelangelos “Jüngstes Gericht” in der Sixtinischen Kapelle wird man eben nicht nur die Untersuchungen des/der ausgewiesenen Kunsthistorikers/Kunsthistorikerin finden, sondern auch die Bemerkungen des Touristen, der seine Eindrücke in einem Weblog schildert. Letztere können natürlich durchaus interessant sein, ob sie sich allerdings für einen wissenschaftlichen Beitrag eignen, steht auf einem anderen Blatt.

Dabei könnte die Lösung des Problems schon in ihm selber angelegt sein. Bislang ist das Internet weithin noch ein Container für riesige Datenmassen. In Zukunft wird es wohl mehr dazu verwendet, diejenigen, die für diese Mengen verantwortlich sind (und das sind ebenfalls sehr viele), auch für deren Bewertung heranzuziehen. Das sogenannte social tagging (gemeinschaftliches Indexieren) ist in den letzten Jahren zu einem Schlagwort geworden, das auch auf seine wissenschaftliche Verwendung hin getestet werden sollte. Bislang findet es bei Bilddatenbanken wie flickr seine Spielwiese, aber auch bei dem Internet-Buchhändler amazon. Über kurz oder lang wird auch die akademische Welt solche Verfahrensweisen heranziehen, will sie nicht in dem – unter anderem auch von ihr selber produzierten – Datenwust ertrinken. Es werden Web-Sites entstehen, die die Evaluation von wissenschaftlichen Thesen ermöglichen, überhaupt zeichnet sich ab, dass auch das wissenschaftliche Veröffentlichungswesen weniger linear und entschieden interaktiver verlaufen wird. Und da die Qualifikation eines Bewerters durchaus in die Relevanz seiner Bewerung mit einbezogen werden kann, ist auch nicht notwendig mit einer Verflachung zu rechnen. Wie dem auch sei: Von vielen dürfte dies als ein kaum zu verarbeitender Kulturbruch empfunden werden. Die Revolution geht weiter.

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